Monster Truck

Foto Gerhard F. Ludwig
Foto Gerhard F. Ludwig

Der Glöckner von Notre Dame

The Hunchback of Notre Dame

THAT YOU MAY BECOME AS DEAF AS I AM! (Quasimodo)
1482. A luminous, red-clad figure enters the city through the Gibard gate. They will influence the movement of the masses that gush daily through the streets of Paris. In a dark and forgotten nook in the highest tower of the cathedral someone’s hand has engraved the word ‘doom’ in Greek capital letters into the wall…Any last shred of hope seems lost. History is turning in a circle; the chime of the bells rings quietly in an endless loop. Everything set back to start. Ding dong.
Monster Truck presents a tableau vivant composed of bits and pieces of the exuberant, carnevalistic world of Victor Hugo and throws you back into the dark medieval ages.

Produced by and starring: Manuel Gerst, Matthias Meppelink, Sahar Rahimi, Marcel Schwald, Ina Vera Production management: ehrliche arbeit – freies Kulturbüro Technical management: Felix Grimm

Opening night: Sep 22, 2011, Sophiensaele Berlin

A co-production by Monster Truck and the Sophiensaelen Berlin, the festival Grenzenlos Kultur Mainz, the Festival Okkupation Zurich and the Forum Freies Theater Düsseldorf. Supported by the Capital Cultural Fun Berlin, the Rudolf Augstein Foundation and the Allianz Cultural Foundation / Project Kulturallianzen

Berliner Zeitung von Doris Meierhenrich 26.09.2011

Nicht der Glöckner, sondern die Kathedrale ist Dreh und Angelpunkt des Romans, den Victor Hugo "Notre Dame de Paris" nannte. Zum "Glöckner" machte ihn erst Hollywood. Auch in den Sophiensælen flimmern die Bilder des berühmten Schmalzfilms aus den 1950ern über eine weiße Wand: Gina Lollobrigida tanzt als Esmeralda auf dem Tisch, der bucklige Anthony Quinn schmachtet ihr nach und drum herum johlt das mittelalterliche Volk. Doch dann beginnt in der Wand hinter den Filmbildern plötzlich ein lautes Hämmern. Eine Bohrspitze stößt aus der Wand, ein Loch entsteht, reale Hände greifen von innen durch die Filmfiguren, reißen die Löcher größer, bis langsam eine andere Esmeralda sichtbar wird und eine weitere Figur sich aus der Gipsmauer löst. Während das alles zeitlupenhaft geschieht, werden die Zuschauer im Kreis um diese sich verlebendigende Wand getrieben, denn sie steht mitten im Raum. Wir befinden uns in einem Installations- Spektakel der Gruppe Monster Truck, die mit ihren Aktionen seit sechs Jahren das postdramatische Theaterherz kühner schlagen lässt. Mit dem "Glöckner von Notre Dame" liefern die fünf Performer nun nicht nur so etwas wie den Narrenspiegel zum Papstbesuch, sondern wandeln die im Umbau befindlichen Sophiensæle zum dekonstruktiven Mysterienspiel: Der Jahrhundertroman wird zur Baustelle und die Zuschauer werden zu Baustelleninspekteuren und -mitarbeitern. Nicht nur das Enträtseln der Mauerentkernung und ihre Figurenauslösung hält dabei auf Trab, auch körperlich mutet dieser Abend viel zu.
Denn mit Kopfhörern versehen, die zwar vor dem Lärm schützen, aber jeweils zu sechst an Schubkarren gebunden sind, kann man nur, Schubkarre schiebend, wie in einer Gefangenenprozession um die Mauer-Bühne wandeln. Schon nach einer halben Stunde macht sich dies im Oberschenkel bemerkbar und die Kalkluft sowie der Krach arbeiten an den Hör-, Seh- und Denkstörungen mit, die an diesem Abend Hauptakteure sind. Wer Hugos Roman nicht gelesen hat, mag nur die halbe Freude an dieser Steinbrech- Aktion haben. Vielleicht wird er auch nicht alle Schwingungen des "Verhängnisses" begreifen, die Monster Truck in Handlungen umsetzt. Denn neben den Liebesverstrickungen handelt es sich in Gestalt des dämonischen Priesters Frollo vor allem um das "Verhängnis" fanatischer Wahrheitssuche. Verstrickt im Netz der Kopfhörer darf sich jeder Zuschauer hier selbst als kleinen Frollo begreifen, gefangen in seinen Deutungsnetzen. Erzählfäden spinnen Monster Truck selbst nicht, sie hauen Bruchstücke. Die aber verraten viel.