Monster Truck

Goal Mania

Ein inszeniertes Para-WM-Fussball-Spektakel
Der Ball ist rund, und das Spiel dauert 90 Minuten. Parallel zur Weltmeisterschaft in Brasilien treten zwei Teams gegeneinander an, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Die "geistig behinderten" Darsteller vom Theater HORA treffen auf das Ensemble des Schauspielhauses Zürich. Werden die Behinderten aus dem Stadion geschossen, oder erleben wir das Wunder von Zürich? Und wer gewinnt die Herzen der Theaterzuschauer? Der krasse Aussenseiter fordert den haushohen Favoriten. David gegen Goliath. Zürich im Fussballrausch.
Sichern Sie sich ein Ticket, und peitschen Sie Ihre Mannschaft zum Triumph! Finden Sie sich zurecht in der Verwirrung des Diskriminierungs-Diskurses und des Fussballer-Lateins! Geniessen Sie die einmalige Atmosphäre zwischen Theater und Sportevent! Es erwartet Sie ein Spektakel mit grossen Emotionen, schweissgebadeten Vorzeige-Athleten und der grossen Frage nach der Political Correctness. Für Wurst, Bier und Unterhaltung ist gesorgt. Mögen die Spiele beginnen.


Von und mit Theater HORA, Monster Truck, Ensemble des Schauspielhauses Zürich und vielen Gästen aus den Bereichen Theater und Fussball

Leitung Manuel Gerst, Nele Jahnke, Julia Reichert

Projektpartner Credit Suisse AG

Katja Baigger, NZZ, FC Hora gegen FC Schauspielhaus Chancenlos glücklich?rMontag, 30. Juni 2014

Parallel zur WM in Brasilien sind am Samstag Mitglieder des Schauspielhaus-Ensembles gegen die geistig behinderten Darsteller des Theaters Hora angetreten. Der Ausgang des Fussballspiels war klar. Doch darum geht es nicht.
Die Realität ist schonungslos. Das wird am Samstagabend in der Schiffbau-Halle mittels einer Grümpelturnier-Simulation gezeigt: ein aussichtsloses Fussballspiel von behinderten Hora-Darstellern (FC Hora) gegen Mitglieder des Schauspielhaus-Ensembles (FC SHZ). Enttäuscht stellt die Schreibende mit Blick auf ihr Billett fest, dass sie auf der «Tribüne Schauspielhaus» Platz zu nehmen hat, also ein Fan des FC SHZ ist. Wer will denn Goliath im Kampf gegen David unterstützen? Die unfaire Partie nimmt ihren voraussehbaren Lauf: Der SHZ besiegt den FC Hora mit 41:12.
Bisweilen muss man an den geistig behinderten Remo Beuggert denken, der nun als Kapitän und Torwart fungiert. Vor dem Stück sagte er: «Hey, dieses Fussballspiel ist nur Theater! Manchmal vergesse ich das.» Vielleicht hat das auch Hora-Begründer Michael Elber vergessen, als er seine Trainerfunktion über den Haufen wirft, auf den Kunstrasen rennt und mitmacht, um das Schlussresultatnicht allzu drastisch aussehen zu lassen. Wehrt er sich gegen das dem Stück vorangestellte Motto? Es stammt vom ehemaligen deutschen Torhüter Richard Golz: «Ich habe nie an unserer Chancenlosigkeit gezweifelt.»
Die Inszenierung gerät bisweilen zum «echten Spiel». Doch auch einem Fussballmatch wohnt eine Prise Theater inne. Da gibt es Gut und Böse, Küsse und Bisse. Da stehen Simulanten und Gepeinigte, Helden und Antihelden. Läuft es nicht nach der eingeübten Dramaturgie, müssen die Akteure Buhrufe einstecken. Es liegt nahe, die beiden Disziplinen zusammenzubringen. So ist die Inszenierung «Goal Mania» entstanden, eine Ko-Produktion des Schauspielhauses Zürich und des Behindertentheaters Hora. Wer gehofft hatte, der Schiffbau bleibe eine WM-freie Zone – weit gefehlt. Freilich erleben die Zuschauer und orchestriert auftretenden «Fans» ein etwas anderes Fussballspektakel. Ähnlich einem WM-Spiel beginnt es zwar mit der Nationalhymne, doch bei der Zürcher Sängerin Evelynn Trouble gerät diese zur rockigen Persiflage.
Geschrei und Pfiffe erfüllen die Tribüne. Der Schiedsrichter Luigi Ponte zeigt dem Kapitän des FC SHZ, Jirka Zett, von dem man am Fanartikel-Stand Autogramme ergattern konnte, die rote Karte. Dies, weil der Torhüter und Stürmer, der zu diesem Zeitpunkt bereits im Besitz einer gelben Karte war, sein Leibchen ausgezogen hat. «Geht gar nicht», befinden die Kommentatoren. Die zwei plaudern im Moderatoren-Jargon. Ihre Rolle der alles Einordnenden wird ihnen zum Verhängnis. Sie haben offenbar Hemmungen, die Leistungen der Hora-Darsteller zu bewerten, und machen sich stattdessen über die ihnen bekannten Schauspielhaus-Mitglieder mit Insider-Gags lustig. Die SHZ-Spieler scheinen in der zweiten Halbzeit das Schauspielerische ernster zu nehmen, jedenfalls verhalten sie sich renitent, der eingewechselte Goalie Isabelle Menke muss vom Platz. In der ersten Halbzeit hatte der FC SHZ noch mehr gegeben, genügend jedenfalls, dass der FC Hora unterlag. Die Anweisung der Regie lautete: «Gebt alles!» Kapitän Beuggert stärkt das Team unterdessen mental mit einem Energie-Ritual, Matthias Grandjean fängt tapfer Bälle im Goal, und Julia Häusermann, «der Shaqiri des FC Hora», geht in die Offensive.
Mit der einmaligen Produktion schalten sich die «Goal Mania»-Macher in die Debatte um Inklusion ein. Darüber reden im «Halbzeitgespräch» der behinderte Journalist Alex Oberholzer und der FCZ-Präsident Ancillo Canepa, der am Schluss dem Sieger SHZ den Pokal überreicht. Das Spielfeld ist eine Metapher für die Leistungsgesellschaft und die Theaterwelt, zu der Schauspieler mit Behinderung kaum Zugang haben. Das haben die Darsteller gezeigt – Aufgabe erfüllt. So sind trotz den verpassten Chancen auch die Hora-Darsteller glücklich. Zumindest nach diesem «Match» scheint es so.