Monster Truck

Foto Michael Bause
Foto Michael Bause

REGIE

In ihrer Produktion Dschingis Khan von 2012 hatte sich die Performancegruppe Monster Truck mit Inszenierungsformen des so genannten «Anderen» beschäftigt und dafür drei Menschen mit Down Syndrom systematisch als wilde Mongolen in einer Völkerschau erniedrigt. Jetzt versucht sie eine Umkehrung der Verhältnisse und setzt die Emanzipation ihrer drei Schützlinge in Szene. Als größtmögliche Geste der Ermächtigung werden drei Menschen, die nicht im Traum daran gedacht hatten, jemals selbst Regie zu führen, dem Publikum als Regisseure präsentiert.
Doch was genau muss eigentlich gegeben sein - um das Regie-Handwerk mal auf diesen einfachen Nenner zu bringen - damit aus einem Wunsch Wirklichkeit wird? Und um wessen Wünsche geht es in diesem konkreten Fall überhaupt? Um die der drei Behinderten, die im abgesteckten Rahmen kleine Entscheidungen ausnahmsweise einmal selbst fällen dürfen? Oder um unsere eigenen, weil wir sie so gerne verrückt, tabulos, genial hätten und wenn schon nicht das, dann doch wenigstens so normal wie wir?
Wie viel Eigenes steckt tatsächlich in den stereotypen Phantasien, die die "geistig behinderten" Regisseure als ihre Inszenierungsideen präsentieren? Und geht es überhaupt um sie, oder sind sie doch nur StellvertreterInnen für unsere eigene, immer nur unzureichend realisierte Sehnsucht nach Selbstverwirklichung? Die Kluft zwischen Vorstellung und Realisierung ist weit geöffnet. Treten Sie ein.

 

25. Apr. 2015
20:00 Uhr

17. Mai. 2015
20:00 Uhr

01. Nov. 2014
20:00 Uhr
Kampnagel Hamburg

31. Okt. 2014
20:00 Uhr
Kampnagel Hamburg

30. Okt. 2014
20:00 Uhr
Kampnagel Hamburg

08. Nov. 2014
20:00 Uhr
FFT Düsseldorf

07. Nov. 2014
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FFT Düsseldorf

14. Jun. 2014
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13. Jun. 2014
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25. Mai. 2014
20:00 Uhr
Thikwa Berlin

24. Mai. 2014
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Thikwa Berlin

23. Mai. 2014
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Thikwa Berlin

22. Mai. 2014
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Thikwa Berlin

17. Apr. 2014
20:00 Uhr

18. Apr. 2014
20:00 Uhr

19. Apr. 2014
20:00 Uhr

10. Jun. 2015
19:00 Uhr
Kaserne Basel

Rambo, Sex und Zuschauerinnen auf vier Beinen – Thikwa und Monster Truck präsentieren “Regie”! 21. Mai 2014 Lukas Gmeiner

Lange nachdem die letzte Zuschauerin den Hochzeitssaal verlassen hat, stehen immer noch die Akteurinnen des Theater Thikwa (Sabrina Braemer, Jonny Chambilla, Oliver Rincke) auf der Bühne der Sophiensaele und tanzen zu deutschem Schlager. Das Ende von “Regie” unter der Produktion von Monster Truck hatte Volksfestcharakter. Es war ein offenes Ende einer scheinbar freien Regiearbeit der drei Thikwas.
Monster Truck provozierte mit “Dschingis Khan” (2012) eine Kontroverse in der freien Theaterszene à la Love-It or Hate-It. Sie schufen eine mongolische Völkerschau-Satire und besetzten jene mit den drei Down-Syndrom-Akteurinnen des Theater Thikwa. “Regie” wirkt nun wie ein Meta-Kommentar auf diese Kontroverse und wirft Fragen der Selbstermächtigung und Emanzipation auf. Und viel interessanter: Was ist überhaupt Regie? Und wie überbrückt man die Kluft zwischen Vorstellung und Realisierung?

Inspiration: Vom Porno zum Sextheater
“Regie” dokumentiert den Weg der Thikwa-Akteurinnen zu Regisseurinnen. Sie sind gleichzeitig Regisseurinnen und Akteurinnen (selbst wenn sie im Programmheft nur unter Regie angeführt sind). Via Videoeinspielungen sieht das Publikum, wie sich Chambilla von einem Porno zum Sextheater inspirieren lässt, Rincke schweift durch ein Album mit ausgeschnittenen Zeitungsartikeln und stößt auf Rambo, während Braemer in einem Bilderbuch blättert und dadurch bereits eine klare Vorstellung von einer Geschichte bekommt.

Die Theatermaschine, aber bitte mit Sahne
Durch das Bühnenbild werden nicht nur die Einflusssphären der Macht, sondern auch die Theatermaschine und ihre Mechanismen reflektiert. Die Gogostange bildet das Zentrum. Von ihr geht ein Stangenarm ab, an dessen Ende ein Regiestuhl befestigt ist. Abwechselnd nehmen die Regisseurinnen darin Platz und umkreisen ihre zu inszenierenden Szenen. Dauert eine Szene zu lange, greift die Theatermaschine mit einem Alarmgetröte ein, beendet die Szene, die Regisseurin setzt sich in ihren Stuhl und fährt automatisch zurück in die verdeckte Hinterbühne. Der Szenenabbruch markiert zeitgleich einen theaterästhetischen Bruch. Wartet mal: Wer hat hier das sagen? Die Regisseurinnen oder die Produktionsmaschine?
Auf der Bühne räkelt sich für den Regisseur Chambilla eine unmotivierte Stripper-Akteurin (Elisia Sky) und sie lässt soweit über sich bestimmen, wie es ihre Professionalität zulässt. “Schmier dich mit Sahne ein”, fordert Chambilla und Sky folgt der Anweisung. “Mach den Affen!” Jetzt folgt Skys Verweigerung. Der Regisseur kommt an die Grenzen seines Machteinflusses, oder genauer, an die Grenze von dem, was er zwar als Sextheater bezeichnet, aber von Sky als bloßer Striptease ausgelegt wird.

Drei Stücke: Rambo, Sex und Mitmachen!
Chambillas Sextheater kommt nicht aus dem inneren Kreis des Stangenarms heraus und um die Langeweile dieses begrenzten Theaters zu durchbrechen, greift er mit der eigenen Geilheit ins Geschehen ein. Er beginnt der Stripperin Sahne vom Hintern zu lecken, während er sich gleichzeitig über eine Videoeinspielung zu beobachten scheint. Wünsche und Vorstellungen werden visualisiert. Als würde das Popolecken auf der Bühne nur im Kopf des Regisseurs existieren.
Rincke, in wortkarger Regiepose, jagt seinen Rambo (Saro Emirze) durch geräuschvollen Salvenregen. Geradezu episch nutzt er die Bühne als Kriegsübungsplatz. Er vergisst dabei aber die magische Beziehung zwischen Publikum und Akteurinnen. Neben Langeweile stellt sich in der Kriegsübungspause kurz der Ekel ein: Ein Milchshake aus rohen Eiern für Rambo.
Braemer sprengt im Abschlussteil jegliche Theaterwände. Willkürlich wählt sie drei Zuschauerinnen auf die Bühne, kostümiert sie und zwingt sie auf die Knie, macht sie (wörtlich) zu ihrer Schafsherde. Sie bestimmt bestimmt bestimmt. Sie setzt sich durch und radikalisiert den Regiebegriff ins Diktatorische. Stoßgebete flehen in Publikumsgesichtern zum Gott aus der Maschine: Nicht ich! Bitte nicht ich! Gott, ich hasse scheiß Mitmachtheater!

Schein oder Nichtschein?
“Regie” sind drei Stücke in einem. “Regie” dokumentiert die Inspirationsquellen der Regieneulinge und setzt ihre Probenarbeiten als Regisseurinnen in Szene. “Regie” arbeitet auf derart verschiedenen ästhetisch-konzeptionellen (Meta-)Ebenen, montiert jene auf eine Weise, dass die Handschrift von Monster Truck unverkennbar ist. Das Tolle an dieser Produktionsarbeit: “Regie” emanzipiert die Thikwas von der Fremdbestimmtheit durch die ‘Normalos’ und gewährt ihnen eine größtmögliche künstlerische Freiheit. Das Untolle (und zugegeben Ehrliche): Damit das alles für uns, die nichtbehinderte Mehrheitsgesellschaft, konsumierbar bleibt, muss hier und da die dramaturgische Schraube angezogen werden. Noch etwas Metakitt und die drei Stücke sitzen gekonnt geklebt in einem Rahmen (Dramaturgie: Marcel Bugiel).
Der Schein vollzieht sich aber bereits im Programmheft der Sophiensaele. Denn jenes führt Braemer, Chambilla und Rinke als alleinige Regisseurinnen an. Das mag teilrichtig sein und wirft die viel entscheidender Frage auf, ob es in prozessorientierten Theaterarbeiten von Performancekollektiven und Zusammenschlüssen so etwas wie ein klar einzugrenzendes Berufsfeld der Regie, wie es institutionelle Theater pflegen, überhaupt noch gibt? Wer übernimmt die Verantwortung für das, was auf der Bühne in Szene gesetzt wird? Die Regie? Oder sollten wir uns von dem Begriff ‘Regie’ lösen, da in postdramatischen Kreationen professionelle Grenzbereiche zu diffus werden?
Dann nämlich torpediert “Regie” von Theater Thikwa und Monster Truck alte Theaternormen und zeigt auf, wie sehr sich mittlerweile unterschiedliche technische, dramaturgische und künstlerische Kompetenzen durchdringen und nicht mehr voneinander getrennt werden können. Und somit ist “Regie” als Seitenhieb auf einen veralteten Begriff zu verstehen; und gleichzeitig ein vielversprechender Auftakt für wirklich inklusive Theaterarbeiten.

 

Im diesem Text ist das Femeninum generisch und wird zur allgemeinen Bezeichnung von Personen gleich welchen Geschlechts verwendet.

Regie – Monster Truck und die drei Down-Syndrom-Schauspieler aus "Dschingis Khan" spielen in den Berliner Sophiensaelen mit den Regeln des Theaters Macht-Schabernack von Simone Kaempf

Berlin, 17. April 2014. Einer der Regisseure dieses Abends sieht empfindlich nach einem Rainer-Werner-Fassbinder-Double aus: Lederjacke, schwarzer Schlapphut, dunkle Sonnenbrille und ein unverkennbar regressiv abgeklärter Gesichtsausdruck. Diesen verändert Oliver Rincke auch nicht, wenn er, auf einem Regiestuhl sitzend, auf die Bühne gerollt kommt. Schon das eine Parodie auf coole Regisseure hinter ihren Filmkameras, aber ebenso auf die schnurrende Mechanik beweglicher Kameraschienen und die ganze Theater- und Filmapparatur, in der mehr oder weniger despotische Regie-Meister das Sagen haben.  

Meta-Kommentar zur "Dschingis Khan"-Diskussion
Auch Sabrina Braemer und Jonny Chambilla schweben irgendwann auf diesem Stuhl auf die Bühne – die drei PerformerInnen kennt man in dieser Konstellation aus Dschingis Khan, jener Koproduktion des Berliner Theater Thikwa und dem Gießener Regie-Kollektiv Monster Truck, die eine heftige Diskussion auslöste. Unter anderem darüber, wie selbstbestimmt die drei Schauspieler mit Down-Syndrom eigentlich agieren oder ob sie "benutzt" werden, erhalten sie in "Dschingis Khan" doch ständige Anweisungen, wie sie sich über die Bühne zu bewegen haben.
Die Fortsetzungs-Inszenierung "Regie" wirkt wie ein Meta-Kommentar auf diese Diskussion. Braemer, Chambilla und Rincke firmieren als Regisseure der Inszenierung, unter wieviel tätiger Mithilfe der "Monster Truck"-Mitglieder, bleibt offen. Sie geben aber nicht nur ihren Regie-Einstand, sondern treten auf der Bühne auch selbst in diesen Rollen auf. In Filmeinspielern auf der Videoleinwand, die groß über die Bühne gespannt ist, sieht man sie als erstes beim Durchforsten der Inspirationsquellen für ihre Ideen: Schnipsel aus Fernsehzeitschriften, in denen sie unter Jubel Sylvester Stallone als Rambo entdecken, oder ein Porno-Video, das den heimlichen Wunsch nach einem "Sextheater" weckt.

Den "Affen machen"
Gesagt, getan, der Regisseur bekommt, was er will. Er hat schließlich alle Weisungs-Hoheit. Auf der Bühne heißt das: Auftritt der blonden Porno-Darstellerin Elisia Sky. Sie strippt, räkelt sich an der Tabledance-Stange und wirft sich in die einschlägigen Posen. Auf lüsternen Befehl des Regisseurs reibt sie sich den Hintern mit Sahne ein, lässt sich die Sahne ablecken, stöckelt aufreizend hin und her. Doch den "Affen machen", wie es von Jonny Chambilla fordert wird, da verweigert sie sich. Verschränkt trotzig die Arme, während der Thikwa-Spieler von der Leinwand knappe Befehle gibt, genüsslich auskostend, sich in der sichereren Machtposition zu glauben. 
Die These, dass ein jeder Schauspieler ein Mitspracherecht und einen freien Willen hat, wie weit er auf der Bühne gehen will, bildet das Bezugssystem des Abends. Gleichwohl treibt "Regie" mit dieser Selbstbestimmung mehr seinen Schabernack als die Fragen nach dem Machtverhältnis zwischen Schauspielern und Regie artig durchzuarbeiten. Dass dieses Machtgefüge besteht, aber jeder Schauspieler, ob normal oder mit Down-Syndrom, auf der Bühne autonom agieren kann, daran lässt die an diesem Abend wirklich großartige Sabrina Braemer keinen Zweifel. Mit einer viel zu großen Nerd-Brille kommt sie auf die Bühne, optisch die Persiflage einer hippen Bühnenfigur, kämpft mit einem kaputten Schuh, um dann auf Strümpfen weiterzuspielen, fixiert ausgiebig das Publikum.
Ihre Mischung aus Hochkonzentration und knurrig-provokanter Selbstermächtigung füllt atmosphärisch den Raum. Privatperson und Bühnenrolle verschmelzen in bester Performance-Manier, oder sieht man das wieder nur, weil man's sehen will? Mit autoritärem Charme jedenfalls holt sie sich mehrere Zuschauer auf die Bühne, denen sie Anweisungen erteilt: den Fußboden aufzuwischen, Kostüme anzuziehen, die sie von einer Kleiderstange auswählt, Handyfotos von sich zu schießen. Je besser die drei Zuschauer mitmachen, desto smarter wird Braemers Laune, um dann doch wieder in autoritären Ton zu verfallen. Und immer, wenn das improvisierte Spiel wegzurutschen droht, nimmt sie wieder das Geschehen in die Hand, das aber mit dem klaren Gestus, hier keinesfalls die niedliche Fröhliche zu sein. 

Party statt Applaus
Am Ende hat sie zwei Dutzend Zuschauer auf die Bühne geholt, die zur Partymusik tanzen. Man hat als Zuschauer freie Wahl, mitzumachen oder einfach zu gehen. Diese Abschlussparty ersetzt den Schlussapplaus, der einfach ausfällt. Die letzte Irritation dieses Abends, der mit der Theaterordnung sein Spielchen treibt, auch damit, dass im Theater mit Behinderten die Begegnung mit den Zuschauern oft ein erklärtes Ziel ist. Manche Szene dehnt sich hier allerdings auch nervig in die Länge, darin ähnelt der Abend bei aller Unterschiedlichkeit seinem Vorgänger "Dschingis Khan". Aber wer dort bereits seine Freude daran hatte, wie die drei Performer das Spiel in die Hand nahmen, bekommt hier nochmal eins draufgelegt.