Monster Truck

Foto Rolf Arnold
Foto Rolf Arnold

WHO'S THERE

Wer da? fragen die Wachen den Geist von Hamlets Vater, als er die Szene betritt. Was wollt ihr? Geister, Tote, vergangene Leben begegnen uns wieder von Angesicht zu Angesicht. Ein Husten, Beine werden übereinander geschlagen, am Ende dann der tosende Applaus. Die Leute lieben das Stück! Sie kommen immer wieder, seit tausenden von Jahren warten sie geduldig auf das Ende aller Enden, das doch nie eintritt. Aber sie haben bezahlt. Einen hohen Preis. Dieses Stück ist nur für sie bestimmt, der Vorhang stand immer offen...

Von und mit: Monster Truck Dramaturgie: Marcel Bugiel Regieassistenz: Alisa Hecke Musik + Sounddesign: Frank Bossert Technische Leitung: Javier Inostroza Prodkutionsleitung: ehrliche arbeit – freies Kulturbüro Premiere: 3.10.2013 Schauspiel Leipzig / Residenz

Eine Produktion von Monster Truck. Koproduziert mit dem Schauspiel Leipzig und Sophiensale Berlin. Gefördert aus Mitteln des Regierenden Bürgermeisters von Berlin – Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten und des Hauptstadtkulturfonds.

 

12. Apr. 2014
20:00 Uhr - 01:00 Uhr
Rampe Stuttgart

11. Apr. 2014
20:00 Uhr- 01:00 Uhr
Rampe Stuttgart

10. Apr. 2014
20:00 Uhr- 22:00 Uhr
Rampe Stuttgart

27. Nov. 2013
18-22 Uhr

26. Nov. 2013
18 - 22 Uhr

24. Nov. 2013
18-19 & 21-22 Uhr

23. Nov. 2013
18-19 Uhr & 21-22 Uhr

19. Okt. 2013
20:00 Uhr

18. Okt. 2013
20:00 Uhr

10. Okt. 2013
20:00 Uhr

09. Okt. 2013
20:00 Uhr

08. Okt. 2013
20:00 Uhr

05. Okt. 2013
20:00 Uhr

04. Okt. 2013
20:00 Uhr

03. Okt. 2013
8:00 pm

Torben Ibs: Neustart im Schauspiel Leipzig, TAZ, Oktober 2013

Vermisst wird das Wagnis Von Torben Ibs
Mit sechs Premieren versucht der neue Intendant Enrico Lübbe am Schauspiel Leipzig Vielfalt zu demonstrieren. Doch zu viel bleibt oberflächlich.Sechs Premieren in drei Tagen – Enrico Lübbe, der neue Intendant am Schauspiel Leipzig, hat sich zum Massenstart entschlossen. Der ehemalige Schauspieldirektor aus Chemnitz beerbt den umstrittenen Regisseur Sebastian Hartmann. Politischer Dilettantismus bei der Intendantensuche hat das Amt beschädigt. Das ist eine schwierige Ausgangslage: Lübbe muss unter Hartmann verlorenes Publikum zurückgewinnen, ohne aber die jungen Leute, die unter Hartmann ins Theater gekommen sind, zu vergraulen.
Der Start ist erfrischend. Die freie Gruppe Monster Truck aus Berlin, erster Gast einer neuen Reihe Artist-in-Residence, präsentiert mit „Who’s There“ den perfekten Einstieg. Jeder Zuschauer wird einzeln in ein Twin-Peaks-Kabinett aus roten Vorhängen und schwarz-weißen Boden geführt und unversehens öffnen sich die Vorhänge, hinter denen gierige Augen auf den Gast fallen. Zuschauer? Spieler? Die Rollen vertauschen und mischen sich, zumal die Berliner detailreichen Surrealismus im Gepäck haben. Ein guter Anfang.
Ambivalenter stellen sich die beiden Uraufführungen der Eröffnung dar. Das Auftragswerk „Der Lärmkrieg“ von Kathrin Röggla ist rollenbasiertes Diskurstheater. Eine Aktivistin (Dorothea Arnold), ein Flughafenmensch (Andreas Keller) und ein Gast/Makler (Tilo Krügel) diskutieren in Trainingsanzügen, umgeben von Eigenheimgestellen, in denen das Publikum sitzt, das Für und Wider der Frankfurter Flughafenerweiterung.
Egoismus oder gesellschaftliche Reform?
Kernfrage: Sind die Proteste von Villen- und Eigenheimbesitzern nur egoistische Strategien oder handelt es sich um gesellschaftlich relevante Reformbewegungen? In der Mitte der etwa 80 Minuten langen Aufführung ist dazu alles gesagt, auch zwei neu eingeführte Figuren führen nicht weiter. Sprachduktus und Spielweise bleiben unverändert. Das Private, das Politische, alles wird zu einem Brei. Lediglich das Schlussbild gelingt dem Regisseur Dieter Boyer, aber die Ziellinie erreicht das Stück nicht.
Wesentlicher souveräner ist der Umgang von Claudia Bauer mit dem poetisch-verkapselten und mehrfach preisgekrönten Text „Und dann“. Der Autor Wolfram Höll beschreibt darin die Wendezeit mit fehlender Mutter im ostdeutschen Plattenbau aus Kindersicht – mehr Sprachkomposition denn Drama. Bauer übersetzt dies in eine ebenso künstliche wie anmutige Bühnensprache.
Menschliches Puppentheater
Die Schauspieler tragen riesige runde Köpfe und sind grotesk ausgestopft. Die Bühne ist das Skelett einer Plattenbauwohnung, in der sich die immer gleichen Rituale des Alltags abspielen. Erinnerungen sind in kleinen Episoden versteckt, die erzählt werden. Spiel und Text kommentieren sich gegenseitig bei diesem menschlichen Puppentheater. Video und geloopte Sounds (Musik: Peer Baierlein) sorgen für weitere Erlebnisebenen. Ein Abend voller Theaterlust, der die Poleposition sichert.
Wie anders sind die beiden Klassiker auf der großen Bühne. Christoph Mehler inszeniert einen „Othello“, und degradiert die Figuren zu platten Abziehbildern. Lediglich Othello (André Willmund) und Jago (Mathis Reinhard) dürfen in den 90 Minuten als Charaktere agieren. Immerhin visuell ist das Setting überzeugend. Othello thront zunächst in einem raumgreifenden Wasserbecken (Ausstattung: Nehle Balkhausen) nur als dunkle Silhouette sichtbar und ähnlich erhaben wie das Völkerschlachtdenkmal.
Erst der gedachte Betrug lässt den Feldherrn buchstäblich zum Tier werden. Er entledigt sich Kleidung und Konventionen und wühlt sich schnaufend, beinahe grunzend durch die Welt, um die blasse Desdemona (Pina Bergemann) zu erwürgen. Auflösung und Suizid sind aber gestrichen.
Enrico Lübbes „Emilia Galotti“ entpuppt sich als uninspiriertes Steh- und Sprechtheater. Während im Hintergrund sechs graue Stelen ihre Bahnen ziehen und immer neue Licht- und Schattenspiele ermöglichen (Bühne: Hugo Gretler), stehen die Schauspieler zumeist an der Rampe und sprechen den Text frontal nach vorne, um hin und wieder in ekstatischen Gefühlsausbrüchen zu enden. Nach 90 Minuten ist der Spuk vorbei und die Frage im Raum: Warum das alles? Das Publikum applaudiert dennoch, trotz einiger Buhrufe, ausdauernd und euphorisiert.
Überzeugender in den kleinen Formaten
Wo steht es nun, das neue Schauspiel Leipzig? Enrico Lübbes Regisseure haben etwas in den kleinen Formaten punkten können, das Geschehen auf der großen Bühne muss aber als enttäuschender Fehlstart gewertet werden. Sicher, das Ensemble ist und muss zusammenwachsen, aber aufseiten der Regie ist mehr Wagemut und Spielwille nötig. Auch mit der Vielfalt war es nicht weit her, die beiden Klassiker wirkten wie zwei Seiten einer Medaille: groß, glatt und deklamatorisch. Enrico Lübbe hat noch viel Arbeit in seiner ersten Intendanz vor sich.

Gerd Brendel:Das "Strange Magic-Festival" in Berlin holt Illusionen ins Theater, Deutschlandradio, 25.November .2013

(...)

Ihr [Monster Trucks] Stück Whos there - Wer ist da - dauert im Kern drei Minuten, in denen die Zeit stehen bleibt wie bei jedem guten Zaubertrick kurz bevor die zersägte Assistentin wieder heil auf die Bühne springt. Drei Minuten, so lang wie ein Albtraum oder die letzten Sekunden vor dem Tod, in denen das ganze Leben auf einmal vorüberläuft. Und weil das Stück noch läuft, hier eine Bitte an alle Zuhörerinnen und Zuhörer: Wenn Sie es irgendwie möglich machen können, morgen oder übermorgen die Vorstellung in Berlin zu besuchen, schalten Sie jetzt Ihr Gerät bitte für eine halbe Minute aus. Für alle anderen jetzt die Auflösung einer Bühnenillusion, die jeden Zuschauer garantiert bezaubert.

Einzeln werden die Besucher aufgerufen. Am Ende eines langen Ganges erwartet mich eine Art Hotelzimmertür. Dahinter finde ich mich in einem quadratischen Raum wieder; psychodelisches Muster auf dem Boden, rote Vorhänge auf allen vier Seiten, Musik wie in einem Hitchcock-Film. Eine kleine Ewigkeit vergeht, da öffnet sich der Vorhang auf der einen Seite und ich blicke auf MEIN Publikum. Merkwürdig schräge Typen hocken da in den Sitzreihen und mustern mich. Der Vorhang schließt sich. Die gegenüberliegende Seite öffnet sich, jetzt schaue ich auf drei nackte Frauen mit spitzen Hüten, die Beine übereinandergeschlagen. Vorhang zu, Vorhang auf. Hinter jedem Vorhang sitzt ein anderes Publikum; mal Riesen-Hasen, mal Männer und Frauen mit Blondhaarperücken. Als sich der Vorhang der vierten Seite öffnet, blicke ich in die leeren Augenhöhlen von Skeletten. Irgendwann werde ich herausgewunken. Jemand reicht mir eine Perücke und zeigt mir einen Platz hinter dem Vorhang auf der Seite, wo schon die anderen mit ihren Blondhaarperücken sitzen. Jetzt werde ich zum Publikum. Die Musik beginnt von vorne, der Vorhang rauscht zur Seite und ich sehe im Scheinwerferlicht da, wo ich vor ein paar Minuten stand, die nächste Besucherin. Ihr überraschter Blick trifft mich für den Bruchteil einer Sekunde. Oder für eine Ewigkeit

[Einspielung O-Ton Sahar Rahimi von Monster Truck]

[Man trifft Dämonen, man trifft irgendwie traumhafte Gestalten, gesisterhafte Gestalten, man trifft aber halt auch sich selbst. Was macht man hier, warum ist man hier, wer ist denn da, der da steht? Was bin ich denn dann?]

Mehr geht nicht. Mehr kann Theater nicht leisten. Und alle David Copperfields der Welt zusammen sowieso nicht.

http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2013/11/25/drk_20131125_2330_a94e5f04.mp3